Oh, schönes Landleben!

Wenn man lange Zeit in den abgelegenen Gebieten des neuseeländischen Nordens verbracht hat und wieder nach Auckland fährt, kommen gemischte Gefühle auf. Zum einen fühlt sich die Vertrautheit der Stadt fast heimisch an, zum anderen möchte man wegen dem Stau, der Lautstärke und der schlechte Luft nur weiter Richtung Süden flüchten. Und nach manchen Erledigungen ging es direkt auf die Coromandel Peninsula.

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Diese Halbinsel ist 85km lang und 40km breit, dünn besiedelt, wobei die größeren Orte mit mehr als 1000 Einwohnern an der Küste liegen. Der größte Teil der Coromandel nimmt der Coromandel Forest Park ein.

Wir übernachteten zwei Nächte in Thames, dem größten Ort auf der Halbinsel, der 1867 als Goldgäberstadt gegründet worden war. Tagsüber verschlug es uns in den nahe gelegenden Kaueranga Valley und im straffen Aufstieg bestiegen wir die 759 Meter hohen Pinnacles. Von der Bergspitze aus hat man eine beeindruckende 360°-Sicht zu beiden Küstenseiten der Coromandel und über den bergigen Nationalpark.

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Das sind nur Informationen, die wir euch nicht vorenthalten wollen, aber eigentlich geht’s hier um unseren Woofing-Aufenthalt auf einer Dairy Farm in der Nähe von Tairua und der war, zusammengefasst, phänomenal. Wir wohnten eine Woche lang mit im Haus von Peter, Christine und ihrer 14-jährigen Tochter Ahi. Wir wurden herzlichst begrüßt und fühlten uns sofort zu Hause. In diesem Milcherzeugnisbetrieb leben 250 Kühe, zurzeit etwa 40 Kälber und 2 Bullen, die bald zu Steaks verarbeitet werden, zwei innig geliebte Pferde und die Nachbarskatze fühlt sich auch heimisch. Es gibt einen großen Obstgarten, in dem Zitronen, Orangen, Mandarinen, Grapefruits und Limetten wachsen.

Peter kümmert sich um die Milchkühe, das Melken und alles, was auf einer Farm so anfällt, Christine widmet sich der Aufzucht der Kälbchen, den Haushalt und kocht wunderbar köstliche Abendessen. Es gab immer frische Milch, frisch gepressten Orangensaft und wir wurden Abends mit Wein verwöhnt.

Wenn man sich rückblickend an die Woche erinnert, wird einem klar, wie viel man erlebt hat: Neben den typischen Woofing-Aufgaben wie Pferdemist aufsammeln und Unkraut jäten (grob mit einer Spitzhacke über die Paddocks und Disteln aus dem Boden gehackt aber auch feinfühlig im Gemüsegarten) bestand der größte Teil daraus, Neues zu lernen und fühlte sich kein bisschen wie Arbeit an. Dank Peters Vertrauen fuhren wir den meisten Tag auf Quad oder dem Cross-Bike über die Farm, trieben damit auch mal die Kühe ein, versorgten die Kälbchen, kümmerten uns um kleinere Reparaturen auf der Farm und Sebastian spritzte den Kühen ein paar Vitamine.

Mit Quad- sowie Motorrad fahren hatte ich bisher keinerlei Erfahrung. Mit dem Quad hatte ich keine Probleme, auch wenn ich mich erst dran gewöhnen musste. Das Dirtbike war klein, also wie für mich gemacht, hatte allerdings mit 350 ccm schön Dampf unter der Haube und Schaltgetriebe. Ich nahm eine Motorradstunde bei Sebastian und nach kurzer Verzweiflung machte es mir Sauspass.

Das Farmleben hat wie alles im Leben natürlich auch seine Schattenseiten. Am ersten Morgen erkundeten wir den Hof und stießen auf Peter, der just ein todkrankes Kälbchen erschiessen musste. Ich bin froh, dass ich heute wesentlich rationaler denken kann als mit 14 Jahren, ansonsten wäre ich wohl in Tränen ausgebrochen.

Die meisten Kühe, wie auch ein paar auf der Farm, werden kurz nach Winterende krank, da das Grass nicht genug Mineralien enthält. Sie können nicht mehr aufstehen, werden aber mithilfe von jeder Menge Magnesium innerhalb Minuten wieder auf die Beine gebracht. Eine Kuh benötigte aber besondere Aufmerksamkeit:

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Heu und Wasser direkt ans Bett
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Tragen kann man sie halt nicht

Keine Sorge, die Kuh lebt noch und es geht ihr inzwischen Bestens, aber um sie ein bisschen zur Gesundheit zu motivieren wurde sie kurzerhand an den Hüftknochen über den Zaun gehievt und auf ein Bett voller grünen, saftigen Klees gebettet. Sie liebte es, fing an zu fressen, bekam Magnesium direkt ins Blut gespritzt und stand nach 10 Minuten schon auf der Wiese, als wäre nie etwas gewesen.

Die Kälbchen waren zwischen einem Tag und etwa 4 Wochen alt. Auch hier eine bittere Wahrheit: Die Mädels überleben, die Jungs werden zu Hackfleisch. Aber eins hatten sie gemeinsam; sie waren unglaublich goldig. Mit ihrem weichen Fell, den riesigen, mit langen Wimpern umrandeten Augen und das Bedürfnis, einen überall anzulecken oder an dem Jackenzipfel zu saugen, schloss man sie sofort ins Herz.

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Einen ganzen Tag alt

Wir waren auch genau zum richtigen Zeitpunkt auf der Farm, da wir miterleben konnten, wie die ein Teil der Kälber das erste Mal raus auf die Wiese kamen.

Wir brauchten knapp eine Stunde, um alle wieder einzufangen!

An einem Tag trieben wir die Kühe um 5 Uhr morgens in den Melkstall, arbeiteten noch 5 Stunden und hatten um 10 Uhr morgens schließlich Feierabend.

Zapfanlage um 6 in der Früh

Wir besuchten die Cathedral Cove, die wohl berühmteste und meist fotografierten Höhle in Neuseeland. Ws war aber auch ein wunderschöner Ort.

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Einen anderen Nachmittag unternahm ich mit Ahi bei strahlenden Sonnenschein einen Ausritt am Strand und Sebastian vertrödelte die Zeit mit Angeln. Wie schön kann das Leben sein?

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Mit einem lachenden und weinenden Auge verabschiedeten wir uns nach der Woche und steuern nun schon den nächsten Woofing-Gastgeber bei Whakatane an.

Wieder Grüße mit viel Liebe, eure Nadine


Wenn jemanden der gängige zeitliche Ablauf der Milchproduktion nicht geläufig ist, hier eine kurze Erklärung: Etwa einmal im Jahr  kommen die Kälbchen nach einer 9-Monatigen Schwangerschaft zu Welt. Sie trinken die wertvolle Kolostral-Milch, um die wichtigen ersten Immunglobuline zu erhalten, werden aber nur Stunden später von der Mutter getrennt und weiter mit der Hand aufgezogen während die Kuh weiter gemolken wird. Es wird zwei Mal am Tag gemolken (bei 250 Kühen braucht das 3 Stunden). Hier auf der Farm um etwa halb sechs in der Früh und um drei Uhr am Nachmittag.

2 Replies to “Oh, schönes Landleben!”

  1. Super Beschreibungen, super Fotos! Es ist so schön, aus der Ferne beobachten zu dürfen, wie viele wunderbare Erfahrungen ihr machen dürft. Toll, weiter so!

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