Ferien bei den Weasleys

Sie sind rothaarig, leben auf dem Land und einmal zu Besuch, möchte man am liebsten nie wieder weg. Soviel zu den Ähnlichkeiten mit der Familie aus der Harry Potter Saga, denn unsere letzten Gastgeber heißen eigentlich White und sind in der Magie kein bisschen bewandert. Sonst wäre das mit der Farmarbeit ja auch nur ein lässiger Wink mit dem Zauberstab.

Vor sieben Jahren hat sich Tom zusammen mit seiner Frau Philippa (kurz: PJ) dazu entschlossen, die Farm seiner Eltern zu kaufen und diese zu bewirtschaften. Das machen die beiden mittlerweile hauptberuflich, obwohl Tom für zusätzliches Einkommen in ruhigen Monaten seinem alten Beruf nachgeht. Dann repariert er Traktoren und landwirtschaftliche Geräte in einer lokalen Werkstatt. Auf lange Sicht möchte er das aber aufgeben.

In der sehr dünn besiedelte Region kennen die Whites alle ihre Nachbarn, die meisten davon ebenfalls Farmerfamilien. Während die älteren Kids, wie der 14-jährige George bereits das entfernte College besuchen, gehen der 12-jährige Ben und die 10-jährige Rosie noch auf die örtliche Grundschule. Diese wird, unglaublich aber wahr, gerade einmal von 35 Schülern besucht, im Alter von 5—13 Jahren. Das Lernniveau, das hier sich hier nach der Stärke der Schüler statt am Alter orientiert, kann sich mit dem größerer Schulen messen und die Kinder profitieren zudem sozial vom Miteinananderlernen und einer starken Gemeinde, in der sich alle kennen.

Die Familie isst gerne international und gesund, insbesondere die Lebensmittel aus eigener Produktion. Kuh- und Schafsmilch werden zu Joghurt, Quark und Käse verarbeitet und viel Obst und Gemüse kommt aus dem eigenen Garten. Auch die eigenen Tiere kommen auf den Teller, wie Schwein und Rind.

Das Frühstück ist sehr reichhaltig und besteht in der Regel aus selbstgemischtem Müsli und Obstsalat bzw. eingelegten Früchten im Winter. Darauf wird pro Tag außerdem ein kompletter Liter Schafsjoghurt aus eigener Produktion verwendet. Eine der schönen Seiten der Landwirtschaft ist, dass man viele Erzeugnisse im Überfluss hat und besser als aus dem Supermarkt schmecken die auch.

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Mit 200 Hektar stellt die Farm der Whites für europäische Verhältnisse ein unverschämt großes Gebiet dar, ist aber im Vergleich zu den Nachbarfarmen ein Winzling. Von denen sind viele bis zu 2.000 ha groß.

Fragt doch mal spaßeshalber Wikipedia nach euch bekannten Größe, wie z.B. eurem Lieblingspark oder eurem Heimatdorf und vergleicht die Flächen mit diesen Größenordnungen. Man ist erstaunt was dabei rauskommt, insbesondere, wenn man die Bevölkerungsdichte berücksichtigt.

In Deutschland liegt die durchschnittliche landwirtschaftliche genutzte Fläche je Betrieb übrigens gerade einmal bei 40 ha, obwohl auch hier der Standort entscheidend ist: Nordrhein-Westfalen ist mal wieder wegen Überfüllung geschlossen, in Mecklenburg-Vorpommern findet man größere Betriebe.


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Was macht man also mit so viel Land? Im Fall der Whites handelt es sich um Gras- und Weideland für Rinder, Milchkühe, Bio-Schweine und Hühner. Saisonal wird ein Feld auch gepflügt, um Futtermais oder Weizen anzubauen. Die freilaufenden Bio-Schweine und Hühner übernehmen hierbei sogar die Hauptaufgabe, indem sie wochenlang auf Futtersuche die Wiese umgraben. Danach hat der alte Traktor leichtes Spiel.

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Zugefüttert werden die Schweine mit der Milch von den eigenen Bio-Kühen und zugekauftem oder selbstangebautem Bio-Mais. Als einzige Bio-Schweinefarm auf der Nordinsel erzielen Tom und PJ gute Preise für ihr Fleisch. Wegen der Abhängigkeit zu Schlachter und Lieferanten möchten die beiden in Zukunft jedoch das Fleisch selbst zu Delikatessen verarbeiten und vertreiben.

Im Laufe der Jahre hat in Neuseeland die Rinderzucht die Schafszucht überholt. Schweinefleisch hingegen hat nie eine große Rolle gespielt, gewinnt aber zunehmend an Bedeutung. 

Zusätzlich zu den Milchkühen melken Tom und PJ jeden morgen ausgewählte Schafe für den Eigenbedarf. Später soll daraus aber ebenfalls ein Geschäft werden und das Angebot and Delikatesssen ergänzen.

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Ein wichtiges aber schweißtreibendes Standbein der Familie ist die Aufzucht von Kälbchen. Diese werden zu hunderten eingekauft und auf ein Gewicht von 100kg großgezogen. Im Anschluss werden sie dann weiterverkauft. In den Kälbchenmonaten gibt es viel zu tun und Nadine und ich waren willkommene Hilfe: Jeden Morgen müssen die Jungtiere mit Milch (aus Pulver) und mit eingekauftem Spezialfutter versorgt werden. Außerdem müssen sie alle paar Tage gewogen werden, um den Zeitpunkt abzupassen, sie von der Milch zu trennen und auf die Weide zu entlassen. Hierbei lernt man alle Seiten dieser Tiere kennen und übt sich in der Handhabung. Ich musste feststellen, dass Geduld und ruhiger Umgang schneller zum Ziel führen als laut zu werden, selbst wenn die Tollpatschigen mir auf die Füße treten.

Die Kälbchen auf diesem Hof sind übrigens alle männlich und werden im Alter von 3–4 Tagen eingekauft, kurz nachdem das Kalb die von von der Mutter wichtige Kolostralmilch erhalten hat.

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Jetzt sind geübt im 25-Kilo-Säcke-Schleppen


Gerade bei der Aufzucht von Jungtieren gibt es immer welche, die es nicht überleben, das ist in der Natur nicht anders. Wir hatten während unseres Aufenthalts viel mit kranken Tieren zu tun, von denen manche gerettet werden konnten und manche gestorben sind, oft ohne offensichtlichen Grund und von jetzt auf gleich. Obwohl man eine große Menge dieser Tiere betreut und das einzelne Leben wirtschaftlich nicht viel zählt, fühlt man dennoch mit, da man mit der Pflege auch eine Verantwortung übernimmt. Wie stark dieses Gefühl ausfällt, ist oft eine Entscheidungsfrage, wie im Fall dieses Hühnerkükens:

Die Entwicklung des Kükens im Ei beginnt ab dem Zeitpunkt, wo die Henne das brüten beginnt. Nach 3 Wochen fast kontinuierlicher Wärmezufuhr, schlüpfen dann innerhalb von 24 Stunden fast alle Küken gleichzeitig. In unserem Fall entschied die doofe Henne allerdings, dass zwei Kinder mehr als genug sind und verließ vorzeitig das Nest mit dem neuen Zuwachs. Zurück blieben teilweise angeknackste Eier, mit Küken, die kurz vor dem schlüpfen standen. Als Nadine und ich nach dem Nest schauten, waren die Eier schon lange kalt, aber ich entschloss mich eines der Küken zu befreien, das noch leise piepste. Ich wärmte und fütterte es zwei Tage lang in der Hoffnung, dass es sich erholt. Als es dann starb, hat mich der Tod mehr berührt als der vieler Kälbchen, schlicht, weil ich mich entschieden hatte, das kleine Ding zu retten.

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Ein Tier wird geboren…
Gute Zeiten: Ein Tier wird gesund geboren…

Eine Farm ist voller Einzelschicksale und manchen Tieren wird mehr Aufmerksamkeit zuteil als anderen. Im folgenden stelle ich ein paar davon vor.

Bree, das Kalb unterscheidet sich nicht nur farblich von den hunderten anderer Kälbchen. Sie erwartet eine erfolgreiche Zukunft als Milchkuh und bekommt deshalb nur spezielle Milch gefüttert. Sie wandert frei über die Farm, ist sehr zutraulich und genießt Streicheleinheiten.

Ohne Ruby, der Hütehundin würde auf der Farm gar nichts gehen. Sie ist intelligent, beflissen und war immer an unser Seite, wenn Vieh zusammengetrieben werden musste.

Tiny ist das kleinste Lämmchen, dass ich je gesehen habe, dabei müsste es schon genauso groß sein, wie die anderen Lämmer. Vor Kurzem hatte es einen Bienenstich auf der Nase und sah aus wie Rudolph das Rentier.

Rufus ist ein gutmütiges Pony, dass selbst mich nicht abgeworfen hat, trotz meiner schlechten Reit-Skills.

PussPuss ist eine Katze wie sie im Buche steht, aber mit einem ausgeprägten Bedürfnis zum Kuscheln. Achja, sie ist auch Selbstversorger, wie man an dem Bild sieht.

Die spannendsten Aufgaben waren stets beim zusammentreiben und umsiedeln der einzelnen Rinderherden; ich auf dem Moto-Cross-Bike und mit Ruby, der Hütehündin an meiner Seite. Das Gelände ist ziemlich anspruchsvoll, meist sehr steil und immer wieder durch Schlamm.

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Insgesamt haben wir viele neue Dinge gelernt und tolle Momente erlebt. So haben als Streckenposten bei einer örtlichen Rallye ausgeholfen und für Charity Kompost geschaufelt. Mit den Kids habe ich viele Brettspiele und ein bisschen Tennis gespielt und nach Aalen geangelt, mit Tom war ich auf Hasenjagd. Nadine gab mir Reitstunden auf Rufus und ich ihr im Gegenzug auf dem Motorrad. Trekker fahren war auch ein Highlight.

Ebenso haben wir  das traumhafte Strandhaus der Familie besuchen können und eine Wanderung durchs Hinterland unternommen.

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Auch aus menschlicher Hinsicht haben wir einige Dinge mitnehmen können. Tom und PJ’s lebensbejahende und lustige Art hat uns inspiriert. Insbesondere PJ’s Energie war zu bewundern: Neben der Farmarbeit und den umfangreichen Freizeitaktivitäten der Kids schafft sie es trotzdem “zwischendurch” und “mal eben” Abendessen zu kochen, ein Brot zu backen und Joghurt und Käse zu zuzubereiten, Schulevents zu organisieren und sich weiterzubilden.

Wie immer freue mich aber über Feedback und über Rückfragen, falls ihr mehr wissen möchtet.

18/10/2015 – 09/11/2015

One Reply to “Ferien bei den Weasleys”

  1. Wow ! Habe seit längerem Mal wieder Zeit gefunden, Eure Seite zu lesen. Es freut mich, das es Euch gut geht und ihr so wunderschöne Dinge erlebt. Offensichtlich habe ich einiges verpasst und werde die Seite nunmehr noch häufiger ansehen. Eure Seite ist sehr gut gemacht! Liebe Grüsse aus Solingen !

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