Back to the basics

Nach ein paar Tagen Ausspannen brachen wir am 26. Dezember zu unseren neuen Gastgebern auf. Wir wussten noch nicht genau, was wir zu erwarten hatten, waren aber auf eine knifflige Anreise vorbereitet worden. Und so fuhren wir im Nirgendwo vom Highway ab und viele Kilometer über eine Schotterstraße in ein Seitental hinein. Am Briefkasten der Familie, ein alter Baumstamm an einer noch älteren Scheune, parkten wir unseren Van und wurden kurz danach von Andrea, unserer Gastgeberin, abgeholt.

Wir schulterten unseren Rucksack, denn ab hier ging es zu Fuß weiter. Zuerst über die Nachbarfarm und am Fluss entlang bis wir nach ca. einem Kilometer ein Tor erreichten, dass die Grenze zu dem Familiengrundstück markiert. Dann bei über 30° Celsius und Sonne für weitere zwei Kilometer den Berg hinauf über Weiden zu einem kleinen Melkstall. Und immer noch war nichts von dem Haus zu sehen. Noch ein paar Meter weiter und plötzlich tat sich eine große Lichtung auf und darauf, ein geräumiges, gemütliches Heim im Blockhausstil, mitten im Grünen. Wir waren entzückt!

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Als vor sechzehn Jahren Jörg, Andrea und die Kinder aus dem deutschen Franken nach Neuseeland kamen, auf der Suche nach einem einfacheren und freieren Leben, kauften sie dieses 100 ha große Grundstück. Davon eignen sich etwa 20 ha zur Viehhaltung, die restlichen 80 ha sind größtenteils neuseeländischer Buchenwald. Damals war die Lichtung noch leer und die Böden lehmig und unfruchtbar, aber im Laufe der Jahre haben die beiden nicht nur ein Haus gebaut, sondern mithilfe von Permakultur, das Land so rekultiviert, dass sie von den Erträgen leben können.

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DSC06379DSC06384Das Haus baute Jörg quasi „on the go“. Die Pläne entstanden an einem improvisierten Schreibtisch, in einem aus Deutschland gelieferten Frachtcontainer, an einem vom Generator betriebenen Computer, während die Familie noch in einem Tipi wohnte. 🙂 In Deutschland hatte Jörg schon einmal ein Blockhaus nach skandinavischer Bauweise errichtet und wusste bereits woraus es ankommt. So wurde über Winter, in etwa drei Monaten, das Haupthaus zusammengezimmert und bezogen. Erst in den Folgejahren kamen die beiden Anbauten hinzu, wo dann die Kinder ihre Kammern bezogen. In der Mitte entstand ein überdachtes, lichtdurchflutetes Atrium, das als Gemeinschaftsraum dient. Dem Atrium vorgelagert entstand an der sonnigen Nordseite (Achtung, anders als auf der Nordhalbkugel) ein Wintergarten mit Waschmöglichkeit. Zusammengenommen bilden die drei Gebäude mit dem Wintergarten eine energieeffiziente Einheit. Aufgrund der Hanglage ist die nach Süden (kalt) ausgerichtete Hauswand niedrig gehalten und hat den Wald im Rücken, während über die nach Norden ausgerichtete, hohe Fassade das ganze Gebäude durchsonnt und aufgeheizt wird, selbst bei niedrigem Sonnenstand im Winter.

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Der Wintergarten

Wintergarten mit Waschmöglichkeit

Atrium und Aufgang zum Haupthaus

Wer so weit weg vom Stromnetz, von Abwasserkanälen und einem städtischen Müllservice wohnt, muss sich überlegen wie er das Problem ökologisch löst. In dieser Hinsicht war ich schwer beeindruckt. Ihren Strom gewinnt die Familie über eine selbstinstallierte Hydroanlage und über Solarzellen. Das reicht um alle technischen Geräte im Haus zu betreiben. Wenn der Strom an ein paar Tagen im Jahr wiedererwartend doch nicht reicht, bleibt der Fernseher halt mal aus.

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So etwas wie Abwasser oder Müll gibt es bei den Hertwichs schlichtweg nicht. In diesem Haushalt wird ALLES verwendet! Praktisch heißt das, dass das große Geschäft in eine Komposttoilette (Trockentoilette) erledigt wird und nachdem es komplett verkompostiert ist, als Dünger benutzt wird. Seife stellt die Familie einfach aus Tierfett und Natronlauge her und das Grauwasser kann demnach bedenkenlos in die Beete eingespeist werden. Ähnlich verhält es sich mit dem Spülmittel – als Ersatz wird hier Molke (die beim Käsemachen fässerweise übrig bleibt) mit einem Schuss Essig vermengt. Anschließend kann man das ebenfalls den Pflanzen zuführen oder dem Schwein verfüttern. Da die Familie in der Regel nur beim Großhändler einkauft (z.B. Getreide), fällt auch fast kein Müll an. Und falls doch, wird dieser an anderer Stelle verwendet: Glas- oder Drahtreste werden kurzerhand in einem Fundament oder Betonsklotz mit einplaniert, um Zement zu sparen. Und Schnüre von Heuballen kann man zu allem Möglichen flechten, hier ein Werk von Nadine:

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Zum Vergleich: Wenn ich zuhause Spaghetti Bolognese koche, habe ich anschließend 1 Plastikverpackung von den Nudeln, 2 Konservendosen von den Tomaten und 1 Styroporschale vom Fleisch, die in den Müll wandern. Sollte es nicht viel mehr Einkaufsmöglichkeiten geben, wo man seine eigenen Behältnisse mitbringt oder gestellt bekommt?

Falls ein Begriff den Lebensstil der Familie dominiert, wäre es SELBSTVERSORGUNG. Von unseren bisherigen Gastgebern, versuchten Alle sich so gut wie möglich von ihrem Land zu ernähren, allerdings kauften sie Alle noch viele Dinge dazu und mussten folglich noch viel Zeit in ihrem ursprünglichen Job arbeiten, um sich den gewohnten Lebensstandard leisten zu können. Die Hertwichs hingegen leben fast ausschließlich von dem, was das Land in der aktuellen Jahreszeit hergibt bzw. dem, was eingelagert wurde. So gibt im Sommer z.B. Beeren und Kernobst ins Frühstücksmüsli während man im Winter auf das eingelegte Obst zurückgreifen muss.

Frisches Fleisch gibt es nur im Winter, wenn ein Rind geschlachtet wird. Dann gibt es jeden Tag Steak und es wird ein Jahresvorrat an Würsten fabriziert. Hierbei bedient man sich auch vielen traditionellen Techniken, um das Fleisch haltbar zu machen, wie zum Beispiel dem Pökeln, Räuchern oder Trocknen. Eine Gefriertruhe und einen Kühlschrank sucht man in diesem Haushalt nämlich vergebens.

Aber auch außerhalb der Reihe gibt es manchmal Fleisch, wenn der 17-jährige Arved auf Jagd war und einen Hirschen oder Hasen mit heimbringt. In unserem Fall hatte er zwei wilde Ziegen am Waldrand geschossen, die er zusammen mit dem 13-jährigen Alexander auch eigenhändig schlachte. Für uns war es die erste Live-Schlachtung und interessant mit anzusehen. Der Ziegengulasch war übrigens köstlich.  Eine kurze Warnung für die Leute, die glauben Fleisch wüchse auf Bäumen: Das nachfolgende Bildmaterial könnte verstören. 

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Insgesamt hatten wir bei den der fränkischen Familie viel Spaß. Es war zudem noch Sommerferienzeit und wir spielten viele Gesellschaftsspiele und schauten alle Filme der Herr-der-Ringe-Triologie und der Hobbit-Triologie in der Extended-Version. Zwei weitere Gäste waren Julian und Hannah, die hervorragend die Soundtracks der Filme auf Klavier und Violine spielen konnten. Ich beschäftigte mich viel mit dem Haus, las Bücher über Holzbauweisen in Europa und durchlöcherte Jörg mit Fragen. Gearbeitet wurde natürlich auch, meistens im Garten. Mitunter pflegten wir die Kartoffelbeete, hackten Holz und gruben ein paar Treppenstufen runter zum Gewächshaus.

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Zweimal am Tag gab es, wie es sich für Deutsche gehört, eine deftige Brotmahlzeit aus selbstgebackenem Schwarzbrot, Salami, Käsesorten und anderen Leckereien, wie selbstgemachter Erdnussbutter. Die Franken nennen das übrigens Veschpern und benutzen bei der Brotzubereitung viel Kümmel.

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Zusammengefasst fand ich unseren Aufenthalt sehr lehrreich und inspirierend und er ergänzt unsere Erfahrungen, die wir bei den anderen Gastgebern gemacht haben. Was motiviert diese Menschen dazu, die Unabhängigkeit zu suchen? Warum besinnen sie sich in einer Zeit voller Überfluss auf die Ursprünge zurück? Welche Rolle spielt dabei die Natur und was können wir von der Generation unserer (Ur-)Großeltern lernen? Stoff für einen anderen Artikel …

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