2000 Kilometer

In Christchurch angekommen fühle ich mich erschöpft und ausgelaugt. Eine Folge von zu viel Lenkrad, zu viel Sonne und zu wenig zu sehen – das ist Canterbury! Die letzten zwei Tage sind Nadine und ich durch die Agrarwüste Neuseelands gefahren. Das bedeutet absolutes Flachland mit schnurgeraden und windgepeitschten Straßen. „Wenn es hier nicht so verdammt windig wäre, bräuchte man das Lenkrad gar nicht zu bewegen!“, hatte ich ihr erklärt, während die Sonne mich durch das Seitenfenster röstete. Am Vortag war Nadine gefahren, da schien die Sonne auf den Beifahrersitz! Ich gönne es ihr. Es ist heiß und es ist sonnig. Das gefällt besonders unserem Basilikum, der auf dem Armaturenbrett mitfährt und im Gegensatz zur Landschaft draußen prächtig gedeiht. Nadine und ich kühlen uns in Meer, Seen und Flüssen ab, so oft wir können, wandern wenig und nutzen jeden Vorwand den Campingstuhl aufzuklappen und ein kaltes Bier zu öffnen. Trotzdem sind wir jeden Tag zuviel Auto gefahren, seitdem wir die Queenstown-Region Anfang Februar verlassen haben. Dazwischen haben wir den Fiordland National Park gesehen, die Südspitze Neuseelands umrundet, unser Auto mal wieder reparieren lassen und den Mt Cook bestaunt. Das sind knapp 2.000 Kilometer in nicht einmal drei Wochen! Rückblickend frage ich mich, welcher Teufel uns so zur Eile angetrieben hat.

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Der ‚Fiordland National Park‘ nimmt ein riesiges Gebiet im Südwesten der Insel ein. Ein Blick auf die Landkarte zeigt, wie schwer zugänglich die Fiorlandschaft eigentlich ist: am östlichen Rand erstreckt sich ein einziger Highways, der den Hafen Milford Sound mit der Ortschaft Te Anau verbindet. Wer ansatzweise in den Nationalpark vordringen möchte, ist darauf angewiesen ein Wassertaxi zu buchen und eine Mehrtageswanderung zu unternehmen. Zu diesem Zeitpunkt wollten wir uns allerdings auf keine großen Wanderungen einlassen, da Nadines Hüfte immer noch Probleme machte und wollten uns stattdessen auf die Sehenswürdigkeiten entlang des 120-km-langen Highways beschränken. Es gibt viele schöne Ausblicke entlang der Straße, darunter auch ein Bergpass und einige kleine Sehenswürdigkeiten, wie z.B. die Mirror Lakes. Highlight war der Aufstieg zum Key Summit mit seinem 360°-Alpenpanorama.

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Am Ende des Highways liegt der vielbeworbene Milford Sound. Der Fiord erinnert mit den bewaldeten, in Nebelschleiern verhüllten und mit Wasserfällen durchzogenen Bergen eher an die Fantasiewelt Pandora – das war selbst bei schlechten Wetter gut zu erkennen. Hier hätten wir glatt verweilen können, wenn a) die Sandfliegen und die erdrückende Hitze nicht gewesen wären und b) nicht die Gefahr bestanden hätte von Touristen totgetrampelt zu werden. Wir erfuhren schnell, dass Letztere alle ausnahmslos gekommen waren, um eine Bootstour zu unternehmen – anscheinend der beste Weg, den Fiord zu sehen. Das hatten wir nicht gewusst, war uns aber auch irgendwie egal, zumal wir Böötchen fahren seit unserem letzten Angeltrip sowieso nicht mehr so toll finden.

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Zurück in Te Anau verbrachten wir einen sonnigen Tag am See und besprachen, wie es von dort aus weitergehen sollte. Nach gefühlten Wochen in den Bergen war uns danach endlich mal wieder salzige Meeresluft zu riechen und so fuhren wir noch am selben Tag die lange Strecke runter zur Küste und verbrachten zwei entspannte Tage am Strand.

Wir stoppten in Invercargill, eine charmlose Stadt mit Einkaufsmöglichkeiten, welche aber aufgrund eines Feiertags geschlossen hatten. Weiter ging es zum Waipapa Point Leuchtturm und anschließend zur Curio Bay, eine kleine Bucht, die in mehrfacher Hinsicht unglaublich ist. Zuerst einmal sind hier die äußerst seltenen Hector-Delfine beheimatet. Diese konnten wir von einem benachbarten Hügel gut beobachten. Zum Zweiten gibt es in der Bucht eine Kolonie von Gelbaugen-Pinguinen, die jeden Abend von der Jagd zu ihren Nestern zurückkehren – eine Pinguin-Parade, die bei unserem Besuch leider nur aus zwei Exemplaren bestand. Während man auf die Ankunft der Pinguine wartet, kann man sich an einer weiteren Obskurität erfreuen: die Felsen auf denen man steht sind nämlich in Wirklichkeit ein versteinerter Wald. Unglaublich.

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Kurz vor der Stadt Dunedin verbrachten wir zwei Nächte in Brighton, schwammen dort im Meer und bauten eine Sandburg. Das Meer ist übrigens trotz Sommer EISKALT – hier spürt man die Nähe zur Antarktis am eigenen Leib.

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In Dunedin suchten wir uns einen Mechaniker und ließen unseren Van mal wieder reparieren. Das dauerte ganze drei Tage, in denen wir die Stadt erkundeten, zwei Museen besuchten und das Internet der Bibliothek nutzten. Im Gegensatz zu anderen neuseeländischen Kleinstädten mochten wir Dunedin auf Anhieb. Die Gründung durch schottische Siedler spiegelt sich nicht nur in den prachtvollen historischen Gebäuden, wie z.B. dem Bahnhof wieder, sondern auch in vielen kleinen Elementen in den Straßen bis hin zum Stadtlogo. Es gibt viele Cafés und interessante Geschäfte und Street-Art. Ein tolles Erlebnis war das Siedler-Museum, dass sogar das Landesmuseum von Otago in den Schatten stellt. In den Artikeln über Auckland und Wellington habe ich bereits die Museumskultur in Neuseeland zum Himmel gelobt, muss es aber noch einmal auf den Punkt  bringen: die großen Museen sind gratis, super multimedial und bieten sogar Lernzentren mit Computern, WLAN und Zugriff auf die Datenbanken. Für Nadine und mich waren besonders die gestalterischen und interaktiven Techniken interessant, die genutzt wurden um den Besuchern Themen näher zu bringen. Natürlich nutzt man auch hier und da die klassische Vitrine für Ausstellungstücke, aber selten ohne andere Medien und ein ausgeklügeltes visuelles Konzept. Jeder Blick zeigt eine neue Ausstellungs-Szene, die gut und schnell zu erfassen ist und unzählige Informationen zum Abruf bereithält, wenn man tiefer eintauchen möchte.

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Nach drei Tagen Dunedin hatten wir aber auch genug, und flüchteten am nächsten Morgen auf die Otago Peninsula, besuchten das mittelmäßige Royal Albatros Centre und sahen auch ein paar Seehunde. Wesentlich mehr Tiere gab es allerdings später am Katiki Point zu sehen. Hier kann man aus der Nähe Gelbaugenpinguine und Seehunde beim Sonnen, Jagen und Spielen beobachten.

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Die Freedom-Campingplätze auf diesem Streckenabschnitt waren alle am Strand gelegen und oft begannen oder beendeten wir den Tag mit Wellenbrechen und Schwimmen – so auch an der schön gelegenen Campbells-Bucht. An jenem Tag schwammen wir morgens früh im Ozean, fuhren landeinwärts Richtung Mt-Cook-Region und schwammen abends in dem alpinen Lake Pukaki mit Ausblick auf den größten Berg Neuseelands – wieder einmal ein Beweis für die unglaubliche, landschaftliche Vielfalt.

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Auf dem Weg zur Mt-Cook-Region stoppten wir an einer verwunderlichen Sehenswürdigkeit, mitten in der trockenen Steppenlandschaft. Auf einer privaten Farm kann man eine erodierte Schluchtenlandschaft aus Lehmfelsen besichtigen und zwischen den Stalagmiten-artigen Felsen herumwandern. Für mich fühlte es sich an, als ob man sich in einer überdimensionierten Sandburg befände.

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Um dem Mount Cook näher zu kommen, fuhren wir Richtung des gleichnamigen Dorfes, eine malerische Straße, die für sich genommen schon spektakulär ist. Von hier wanderten wir mit vielen anderen Touristen zum Müller Lake und Hooker Lake, den Blick immer wieder hoch auf den majestätischen Mt Cook (Maori: Aoraki) geheftet.

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Von hier aus fuhren wir auf direktem Weg nach Christchurch, da wir drei Tage später einen weiteren Wwoofing-Aufenthalt haben sollten und uns vorher noch einen Überblick über die Stadt verschaffen wollten.

Dieser vorerst letzte, längere Reiseabschnitt hat uns, wie ihr sehen könnt, einige schöne Eindrücke beschert. Dazwischen lagen allerdings auch Tage, die sehr anstrengend waren, Orte, die uns enttäuscht haben und Momente, die uns gestohlen wurden, weil wir mit den Gedanken schon bei unserem nächsten Abenteuer waren – für uns ein Zeichen, dass man mit dem Kapitel Neuseeland langsam abschließt.

01/02/2016– 18/02/2016

5 Replies to “2000 Kilometer”

  1. Schön geschrieben! Dann macht mal zu das Kapitel Neuseeland und kommt endlich zurück! War jetzt auch lang genug und wir können diese ekelhaft atemberaubenden Landschaftsfotos auch nicht mehr sehen! ? Nee Spaß beiseite. Wie immer wunderschöne Fotos! Habt weiterhin viel Spaß und tolle Abenteuer. Ganz liebe Grüße an Euch von uns allen Daheimgebliebenen!

  2. Einfach nur geil!!! Der Himmel hat so oft wunderschöne Farbverläufe … da frage ich mich ob ihr diese tolle Natur noch mit etwas künstlerischem Handwerk angereichert habt?!
    Wir freuen uns ganz doll auf eure Rückkehr und vielen weiteren Berichten von eurem Abenteuer.
    Hdl Papa

    1. Danke. Ja, wir nehmen an den Fotos ein paar Anpassungen vor, aber auf das Ganze Bild und nicht den Himmel. Der Himmel ist hier genauso Blau wie in Deutschland (wenn man ihn dort gelegentlich sieht) 😉

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